Regie für Sprachaufnahmen

„Nochmal mit Anschluss, bitte!“

Schon wieder ist der Sprecher über die „seldschukischen Segelschiffe“ gestolpert. Dabei ist er Vollprofi. Und ich arbeite nicht zum ersten Mal mit ihm. Aber wenn der Wurm drin ist... dann hilft nur Geduld. Also bitte ich den Tontechniker, fünf Sekunden Vorlauf zu geben, damit der Sprecher seinen Tonfall im letzten Satz hört und dann einsetzen kann.

„Aber bitte nicht so hart, nicht so knallig, bleib entspannt und nimm Deinen eigenen Ton ab, sonst lässt sich’s schlecht schneiden...“ Beinahe hätte ich mich bei den vielen „s“ und „sch“ jetzt selbst verhaspelt. Also nochmal: „seldschukische Segelschiffe“ – geht doch! Nein – das ist typisch: die Klippe ist überwunden, der Sprecher freut sich, hängt dem geistig noch den Bruchteil einer Sekunde lang nach, und schon stolpert er über das banalste „einlaufen“. Wir sind also noch nicht im sicheren Hafen.

Eigentlich zum Lachen – die letzten drei Absätze liefen ohne Unterbrechung – aber jetzt... naja, Lachen entspannt wenigstens, vor allem wenn man gemeinsam lacht: zum Beispiel über die Drohung, ihm die Outtakes als Weihnachtsgeschenk zu verpacken.

„Gleiche Stelle?“ „Gleiche Stelle – und: bitte!“
Das war’s. Wieder geschmissen. Hat nichts genützt. Was jetzt? Nächster Trick: „Pass auf, mach Dir’s nicht unnötig schwer – sag einfach‚ die Segelschiffe der Seldschuken’!“
„Wenn Du meinst...“
„Ja. Mit Anschluss – und: bitte!“
Zum Toni: „Danke für Deine Geduld, weißt Du, manchmal sind es so Kleinigkeiten...“

Ja! Geschafft! Problemlos drüber hinweggesegelt und den nächsten Satz sauber hingelegt. Ich höre gespannt zu, ob der Tonfall den Inhalt richtig vermittelt, ob sich die Hörer weiterhin persönlich angesprochen fühlen, ob alles beim ersten Hinhören verstehbar ist – perfekt. Ich notiere die Textänderung und streiche die Seite ab. Erleichtert.

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Die Aufgaben der Sprachregie beginnen aber nicht erst im Studio. Zur Vorbereitung gehört die Begutachtung des Textes auf Sprech- und Verstehbarkeit. Und dabei kann der Ansatz je nach Textart durchaus verschieden sein:

Handelt es sich um ein Hörbuch, also einen vertonten literarischen Text, ist die wortgetreue Wiedergabe verpflichtend, Abweichungen, auch Kürzungen, sind mit Autor, Übersetzer und Verlag abzusprechen und dürfen nicht ohne Genehmigung vorgenommen werden. Das Augenmerk der Regie liegt also vornehmlich auf der Interpretation. Als erster kritischer Hörer muss der Regisseur beurteilen, ob die Sätze des Schriftstellers mit ihrem Sinngehalt verständlich und mit ihrer emotionalen Note unmittelbar ansprechend wiedergegeben werden. Und für den Fall, dass das nicht auf Anhieb gelingt, muss der Regisseur die gestalterischen Mittel kennen, die der Interpret einsetzen kann: die Phrasierung, die Atempausen, das Timbre, das Tempo usw. Partnerschaftlich beratend, mitunter aber auch fordernd, führt der Regisseur den Sprecher oder die Sprecherin zur gewünschten Interpretation, um dem Publikum einen spannenden literarischen Hörgenuss zu bereiten.

Etwas anders gestaltet sich die Herangehensweise bei einem informativen Sachtext. Hier liegt der Schwerpunkt auf der exakten und eingängigen Vermittlung des Inhalts. Die Formulierungen sind gegebenenfalls den Bedürfnissen von Sprecher und Hörer anzupassen. Beim Zuhören kann man weder scrollen noch zurückblättern: Informationen müssen sich sofort erschließen und möglichst präzise im Gedächtnis haften bleiben. Da die Speicherung im Gehirn aber auch von Empfindungen abhängt, ist eine adäquat angenehme Stimme ein wichtiges Transportmittel selbst für die trockensten Inhalte.

In der Studiopraxis am häufigsten begegnen wir allerdings Mischformen, etwa in Kommentaren zu Dokumentarfilmen oder bei Hörführungen. Informationsgehalt und Interpretation sind miteinander verwoben, und mitunter wird es zur Gratwanderung, wie weit bei stark emotionalen Inhalten die Stimmung in der Stimme mitschwingen darf, ohne dass es effekthaschend kitschig wirkt oder – umgekehrt – zynisch kalt!

Ach ja: noch 20 Seiten Seldschuken... eigentlich sind’s nur mehr zwei, zum Glück, aber es hat sich bewährt sich vorzustellen, es wären noch ganz viele. So sage ich’s zumindest gern den Sprechern, damit sie nicht kurz vor Schluss aus lauter Vorfreude die Spannung verlieren und die Konzentration davonsegelt...

Der Autor Klaus Kowatsch ist seit 25 Jahren in Berlin als Regisseur für Sprachaufnahmen tätig.